Existenzanalyse
Viktor Frankl hat seinem Ansatz einen Doppelnamen gegeben: Logotherapie und Existenzanalyse. Meist werden beide Wörter in einem Atemzug genannt, als wären sie ein Begriff. Frankl selbst hat sie auseinandergehalten. Am deutlichsten tut er das in »Theorie und Therapie der Neurosen«, erschienen 1956 mit dem Untertitel »Einführung in Logotherapie und Existenzanalyse«. Ein ganzer Teil des Buches trägt beide Namen als Überschrift.
Zwei Blickrichtungen
Logotherapie nennt Frankl dort eine Therapie, die vom Geistigen ausgeht. Existenzanalyse nennt er eine Therapie, die auf das Geistige hinzielt, auf die personale Existenz eines Menschen. Der erste Name sagt, woher die Behandlung kommt, der zweite, wohin sie schaut.
Der Name Existenzanalyse ist dabei schief, und Frankl weiß das. Analyse heißt zerlegen. Existenz im Sinne der Existenzphilosophie ist aber das Ganze eines Menschen, der sich zu seinem Leben verhält. So etwas lässt sich nicht in Teile zerlegen.
»Bei alledem ist Existenzanalyse eigentlich keine Analyse der Existenz […]. Vielmehr ist die Existenzanalyse Explikation der Existenz.«
— Viktor E. Frankl, »Theorie und Therapie der Neurosen« (1956), Teil »Logotherapie und Existenzanalyse«, Abschnitt »Existenzanalyse als anthropologische Explikation personaler Existenz«
Explikation bedeutet Entfaltung. Frankl fügt hinzu, dass die Person sich selbst entfaltet, im Lauf ihres Lebens. Die Existenzanalyse erfindet also nichts dazu. Sie macht sichtbar, was sich in einem Leben ohnehin schon zeigt.
Im selben Abschnitt geht Frankl einen Schritt weiter. Existenzanalyse sei auch der Versuch einer Anthropologie, die jeder Psychotherapie vorausgeht, nicht nur der Logotherapie. Gemeint ist ein Bild vom Menschen, das jede Behandlung mitbringt, ob sie es ausspricht oder nicht.
Symptom und Existenz
Eine Symptombehandlung fragt, was gestört ist und wie es sich beheben lässt. Das ist eine berechtigte Frage, und Frankl hat sie nie abgetan. Existenzanalyse sei kein Spiritualismus, schreibt er. Der Mensch bleibt für ihn eine Einheit aus Leib, Seele und Geist.
Die Existenzanalyse fragt darüber hinaus, wie ein Mensch zu dem steht, was mit ihm los ist. Eine Angst kann dieselbe bleiben und doch einem anderen Menschen gehören, je nachdem, wie er sich zu ihr stellt. Frankl hält deshalb eine Therapie vom Geistigen her auch dort für angebracht, wo eine Neurose gar nicht im Geistigen entstanden ist.
Die eine Arbeit zielt auf das Leiden, die andere auf die Person, die leidet, und auf das, wofür sie lebt.
Seit 1991 zwei Schulen
Wer heute nach Existenzanalyse sucht, trifft auf zwei verschiedene Dinge. In Wien wurde 1983 eine Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse gegründet, die GLE. Unter Alfried Längle entwickelte sie Frankls Ansatz weiter. Sinn ist dort eine von vier existenziellen Grundmotivationen und nicht mehr die einzige. Dazu kamen die Arbeit mit Gefühlen und mit der Biografie.
Frankl sah darin eine Rückkehr des Psychologismus, gegen den er sein Leben lang geschrieben hatte. 1991 trennte er sich von der GLE. Seither steht »Logotherapie und Existenzanalyse« meist für die Linie, die bei Frankl bleibt. »Existenzanalyse« allein bezeichnet oft die Schule Längles, die die Logotherapie als eine Form der Beratung versteht. In Österreich führt die Liste der anerkannten psychotherapeutischen Methoden beide getrennt.
Hinter der Verwirrung um die beiden Namen steht also ein Streit darüber, ob der Mensch vor allem vom Sinn her zu verstehen ist oder ob dem Sinn noch etwas vorausgeht.
So bleibt die Frage, die beide Schulen auf ihre Weise stellen. Wenn ein Symptom verschwindet, ist dann schon etwas darüber gesagt, wie ein Mensch zu seinem Leben steht?
Epimelea ist eine App, die auf der existenziellen Schule aufbaut. Das Gespräch geht von einer Begegnung zur nächsten weiter. Das Archiv wird auf dem Gerät verschlüsselt und gehört dem, der es geschrieben hat.
Zur App: Online-Therapie mit KI, langfristig begleitet
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