Epimelea

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Warum bin ich verkrampft, wenn man mir zuschaut?

Ein einfacher Vorgang wird plötzlich schwierig: das Abstellen einer Tasse, ein Satz am Telefon oder der Gang die Treppe hinunter. Allein funktionieren diese Bewegungen ohne Nachdenken. Sobald jedoch eine andere Person hinsieht, stockt der Ablauf. Die Schritte werden unnatürlich, die Hand wirkt unsicher.

Der Fuß auf dem Schemel

Im Dezember 1810 veröffentlichte Heinrich von Kleist in den Berliner Abendblättern ein Gespräch über die Anmut von Marionetten und einen Bären, der Degenstöße pariert. Dabei benennt der Erzähler eine Beobachtung über die menschliche Natur:

»Ich sagte, daß ich gar wohl wüßte, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewußtsein anrichtet.«

— Heinrich von Kleist, »Über das Marionettentheater«, 1810

Er berichtet von einem jungen Mann beim Baden. Dieser stellt beim Abtrocknen den Fuß auf einen Schemel und betrachtet sich im Spiegel. Die Pose erinnert an eine antike Statue, den Dornauszieher. Der Erzähler bemerkt dies und lacht. Als der Junge versucht, die Bewegung bewusst zu wiederholen, scheitert er:

»Er hob verwirrt den Fuß zum dritten und vierten, er hob ihn wohl noch zehnmal: umsonst!«

— Heinrich von Kleist, »Über das Marionettentheater«, 1810

Wessen Blick

Der Junge prüfte die Bewegung vor dem Spiegel selbst. Er verbrachte danach Tage damit, die Pose zu suchen. Nach einem Jahr war seine ursprüngliche Leichtigkeit verschwunden. Kleist beschreibt diesen Zustand so:

»Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz um das freie Spiel seiner Gebährden zu legen«

— Heinrich von Kleist, »Über das Marionettentheater«, 1810

Dieses Netz entsteht nicht durch die Anwesenheit einer anderen Person. Der fremde Blick ist lediglich der Auslöser. Die Verkrampfung beginnt in dem Moment, in dem der Junge versucht, sich selbst mit den Augen des Zuschauers zu betrachten. Er agiert nicht mehr, er beobachtet sich beim Agieren.

Laut Kleist bleibt Anmut nur jenen vorbehalten, die entweder gar kein Bewusstsein besitzen – wie eine Gliederpuppe – oder ein unendliches, wie ein Gott. Der Mensch befindet sich dazwischen.

Im Moment des Stockens

Wenn eine Bewegung plötzlich hakt, lässt sich prüfen, wer in diesem Moment eigentlich zuschaut und ob es die Person im Raum oder ein innerer Beobachter ist.

Mit wessen Augen sehe ich mich an?


Epimelea baut auf der existenziellen Schule auf. Das Gespräch geht von einer Begegnung zur nächsten weiter. Das Archiv wird auf dem Gerät verschlüsselt und gehört dem, der es geschrieben hat.

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