Epimelea

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Warum sich das eigene Leben kleiner anfühlt als das anderer

Die Nachbarn steigen lachend in ihr Auto, und eine frühere Kollegin hat das Haus gekauft, von dem man nur träumte. Jemand erwähnt beim Abendessen sein vergangenes Jahr. Auf dem Heimweg wirkt das eigene Dasein kleiner als am Morgen. Dabei weiß man von diesen Menschen kaum etwas. Gesehen hat man ein Auto, ein Haus, gehört einen Satz.

Ein Name, der keiner ist

Johann Peter Hebel erzählt 1811 von einem jungen Handwerksburschen aus Tuttlingen, der nach Amsterdam kommt. Er sieht ein prächtiges Haus mit Tulpen vor den Fenstern und fragt einen Passanten, wem es gehört. Der Mann versteht kein Deutsch und antwortet auf Holländisch: «Kannitverstan», ich kann Euch nicht verstehen. Der Bursche hört einen Namen.

«Das muß ein grundreicher Mann seyn, der Herr Kannitverstan, dachte er»

— Johann Peter Hebel, «Kannitverstan», Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Cotta, Tübingen 1811

Am Hafen liegt ein großes Schiff, aus dem Kisten mit Kaffee, Reis und Pfeffer getragen werden. Wem es gehört? Wieder dieselbe Antwort. Nun hat Herr Kannitverstan schon ein Haus und ein Schiff.

Wie aus Lücken ein Reichtum wird

Nicht der Irrtum selbst ist bemerkenswert, sondern die Arbeit, die der Bursche leistet. Er hört nur: Ich verstehe Euch nicht. Daraus baut er eine Person mit Besitz, Erfolg und einem sorglosen Leben. Je weniger er erfährt, desto vollständiger wird das Bild.

Und mit dem Bild kommt der Vergleich:

«was er für ein armer Mensch sey unter so viel reichen Leuten in der Welt.»

— Johann Peter Hebel, «Kannitverstan», Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Cotta, Tübingen 1811

Er fühlt sich arm. Er füllt die leeren Stellen mit dem, was ihm selbst fehlt. Der fremde Mann bekommt genau das Leben, das der Bursche gern hätte.

Was die Fassade nicht sagt

Mit dem Leben anderer geht es oft ähnlich. Man sieht die Vorderseite: das neue Auto, die Beförderung, das Paar, das sich im Café an den Händen hält. Was dahinterliegt, kennt man nicht. Die Sorgen, die Kredite, den Streit am Abend sieht man nicht und denkt sie auch nicht mit. Die Lücke bleibt nicht leer. Sie füllt sich mit Glück, und zwar mit dem, das einem gerade selbst fehlt.

So entsteht ein Mensch, den es so nicht gibt. Er hat das Haus der einen, die Gelassenheit eines anderen und die Familie eines Dritten. Neben dieser Figur verliert jeder.

Hebel lässt seinen Burschen später noch einmal auf Herrn Kannitverstan treffen, und die Begegnung verändert das Bild. Wie, wird hier nicht verraten. Die Geschichte ist kurz. Für die Frage, warum andere besser zu leben scheinen, reicht ihr Anfang. Das reiche Leben in Amsterdam gehört niemandem. Es besteht aus einem Wort, das der Bursche nicht verstanden hat, und aus dem, was er selbst hineingelegt hat.

Was schreibe ich in das Leben eines anderen hinein, wenn ich es gar nicht kenne?


Epimelea baut auf der existenziellen Schule auf. Das Gespräch geht von einer Begegnung zur nächsten weiter. Das Archiv wird auf dem Gerät verschlüsselt und gehört dem, der es geschrieben hat.

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