Warum mache ich mich über Dinge lustig, die ich nicht verstehe?
Mittags erzählt eine Kollegin, dass sie seit einem Jahr Gedichte auswendig lernt. Jeden Morgen eins, in der S-Bahn. Am Tisch wird gegrinst, und ich sage etwas über Poesiealben. Alle lachen, sie auch, ein bisschen. Das Thema ist erledigt. Auf dem Rückweg fällt mir auf, dass ich nicht einmal gefragt habe, welche Gedichte. Bei mir sind es mal Gedichte, mal Meditation, mal das Hobby eines Schwagers. Nie genau hingeschaut.
Die dritte Strophe
Das „Abendlied“ von Matthias Claudius kennen viele als Schlaflied. „Der Mond ist aufgegangen“ singt man Kindern vor, und meist hört es nach der ersten Strophe auf. In der dritten bleibt Claudius stehen und zeigt auf den Himmel:
«Seht ihr den Mond dort stehen? — Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn.»
– Matthias Claudius, „Abendlied“, Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, 4. Theil (1782)
Getrost
Das genaueste Wort der Strophe ist „getrost“. Claudius schreibt nicht „boshaft“ und nicht „dumm“. Wer so lacht, ist ruhig und sicher. Er hat ja gesehen, was da ist: eine halbe Scheibe. Dass der Rest im Dunkeln liegt, kommt ihm nicht in den Sinn.
So war es auch am Mittagstisch. Ich habe die Kollegin nicht verachtet. Ich war mir nur sicher, dass Gedichte auswendig zu lernen genau das ist, was ich davon kenne: Schule, Pflicht, ein bisschen peinlich. Die andere Hälfte, also warum ein erwachsener Mensch das jeden Morgen tut, lag außerhalb meines Blickfelds. Der Witz hat dafür gesorgt, dass es dabei bleibt.
Denn Lachen hat eine praktische Seite. Es schließt ein Gespräch ab. Wer gelacht hat, muss nicht mehr fragen. Ich muss nicht zugeben, dass ich etwas nicht verstehe, und keiner merkt, wie wenig ich weiß.
Stolze Menschenkinder
Claudius lässt es nicht beim Mond. In der nächsten Strophe nennt er uns „stolze Menschenkinder“, die „gar nicht viel“ wissen. Das klingt hart, entlastet aber eher. Nicht viel zu wissen ist der Normalfall. Nur das Lachen tut so, als wäre es anders.
Der Mond ändert sich nicht, wenn ich ihn belächle. Was sich ändert, ist mein Abend: Ich habe ihn mit einer halben Scheibe verbracht und sie für das Ganze gehalten.
Was würde die Kollegin mir erzählen, wenn ich sie morgen frage, welches Gedicht heute dran war?
Epimelea baut auf der existenziellen Schule auf. Das Gespräch geht von einer Begegnung zur nächsten weiter. Das Archiv wird auf dem Gerät verschlüsselt und gehört dem, der es geschrieben hat.
Zur App: Online-Therapie mit KI, langfristig begleitet
Diese Seite handelt von einer Schule der Psychotherapie. Sie ist keine ärztliche Beratung und keine Notfallhilfe. Wenn Sie gerade in Gefahr sind, wählen Sie den Notruf 112. In Deutschland ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar. In anderen Ländern finden Sie eine Hilfsstelle auf findahelpline.com.
Jetzt starten in
Ihrem Browser
Die ersten zwei Begegnungen sind kostenlos.