Epimelea

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Warum rede ich mich selbst klein

Ein Kompliment zum Essen löst oft eine sofortige Abwehr aus: „Die Soße ist mir nicht gelungen.“ Nach einem Vortrag hört man im Flur: „Das war ziemlich unklar, oder?“ Vor dem Spiegel fragt die eine die andere: „Ich sehe darin schrecklich aus, stimmt's?“ Danach folgt eine kurze Stille. In dieser Pause wartet jemand auf eine Antwort.

Zwölf Zeilen, vier Posten

Wilhelm Busch veröffentlichte 1874 in der Sammlung „Kritik des Herzens“ ein kurzes Gedicht. Es beginnt mit der Behauptung, Selbstkritik habe viel für sich. Dann rechnet er vor wie ein Kaufmann.

Erstens wirkt man bescheiden. Zweitens halten die Leute einen für ehrlich. Drittens nimmt man anderen Kritikern den Bissen weg. Und dann kommt der vierte Posten:

«Und viertens hoff ich außerdem Auf Widerspruch, der mir genehm.»

– Wilhelm Busch, «Die Selbstkritik hat viel für sich», Kritik des Herzens

Am Ende der Rechnung steht, man sei „ein ganz famoses Haus“. Busch zeigt mit dem Finger auf niemanden. Er lacht über das Ich im Gedicht, also zuerst über sich selbst.

Ein Satz mit Lücke

Ein Satz wie „Ich kann das nicht“ klingt wie eine Feststellung. Oft hat er aber eine Lücke am Ende, wie ein Formular. Die andere Person soll sie ausfüllen. Meist steht sogar fest, mit welchen Worten: „Doch, das war toll.“

Das ist keine Berechnung im bösen Sinn. Buschs vier Gewinne kommen gleichzeitig, und keiner davon fühlt sich wie ein Plan an. Wer zuerst schlecht über sich spricht, ist vor dem Urteil der anderen sicher. Bleibt die erhoffte Antwort aus, ist auch nichts verloren. Man hat es ja selbst gesagt.

Wenn der Widerspruch ausbleibt

Anders wird es, wenn das Gegenüber nicht mitspielt. Die Freundin nickt und sagt: „Ja, die andere Hose stand dir besser.“ Der Kollege meint: „Stimmt, der Mittelteil war lang.“ Plötzlich zeigt sich, wie fest man mit dem Widerspruch gerechnet hatte. Der Satz war als Frage gemeint und wurde als Auskunft verstanden.

Manche spüren einen Stich. Andere sind fast erleichtert, weil endlich jemand ehrlich war. Beides sagt etwas darüber, wozu der Satz diente.

Die Rechnung des eigenen Hauses

Buschs Gedicht hat zwölf Zeilen und keine Moral. Es lässt die vier Posten einfach stehen. Wer es liest, kann selbst nachsehen, welcher Posten im eigenen Leben der größte ist: die Bescheidenheit, der ehrliche Ruf, der vorweggenommene Bissen oder die Hoffnung auf das „Doch“.

Welche Antwort erwarte ich, wenn ich das nächste Mal schlecht über mich rede?


Epimelea baut auf der existenziellen Schule auf. Das Gespräch geht von einer Begegnung zur nächsten weiter. Das Archiv wird auf dem Gerät verschlüsselt und gehört dem, der es geschrieben hat.

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