Epimelea

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Warum Nähe sich in Distanz verwandelt

Ein langes Gespräch mit einer Freundin, ein Wochenende im Familienkreis, eine Unterhaltung, die unerwartet tief ging. In den Tagen danach bleiben Nachrichten unbeantwortet. Der nächste Termin fällt, ohne dass ein klarer Grund dafür genannt wird. Die Nähe fühlte sich richtig an. Dennoch verlangt der Körper plötzlich nach Raum.

Das Bild des kalten Wintertags

Arthur Schopenhauer hat diese Bewegung in eine kurze Parabel gefasst. Sie steht im zweiten Band der Parerga und Paralipomena, im Kapitel über Gleichnisse:

«Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen»

— Arthur Schopenhauer, «Gleichnisse, Parabeln und Fabeln», § 396, Parerga und Paralipomena, Bd. 2, Kap. 31, A. W. Hayn, Berlin 1851

Die Tiere suchen Wärme. Sie spüren die Stacheln der Nachbarn und rücken auseinander, während die Kälte sie wieder zusammentreibt und die Stacheln wieder fort.

Zwei Leiden statt einem

Zwei Übel. Die Kälte ist eines, die Stacheln das andere. Die Tiere pendeln hin und her, bis sie nicht mehr wissen, welches gerade schlimmer ist:

«so daß sie zwischen beiden Leiden hin und hergeworfen wurden»

— Arthur Schopenhauer, «Gleichnisse, Parabeln und Fabeln», § 396, Parerga und Paralipomena, Bd. 2, Kap. 31, A. W. Hayn, Berlin 1851

Am Ende finden sie eine mittlere Entfernung. Schopenhauer nennt diese Position Höflichkeit und feine Sitte. In ihr wird man nur halb gewärmt, dafür sticht nichts mehr.

Viele kennen diesen Zustand. Man ist freundlich, verlässlich, angenehm. Niemand kommt einem zu nahe, und man selbst friert ein wenig, ohne sich zu beklagen.

Der Stich, den man nicht benennt

Wer nach einem guten Abend auf Distanz geht, erklärt es oft mit Erschöpfung oder einem allgemeinen Bedürfnis nach Ruhe. Bei den Stachelschweinen gibt es aber keinen allgemeinen Rückzug. Jedes weicht vor einem bestimmten Stachel zurück.

Vielleicht fiel an jenem Abend ein Satz, der wehtat. Ein Witz über etwas, das einem wichtig ist. Eine Frage, die zu schnell kam. Ein Moment, in dem man sich gezeigt hat und der andere woanders hinsah, ein kleiner Stich, den man nicht ausgesprochen hat. Man braucht Abstand.

Von außen sieht es aus, als flöhe man vor dem Menschen. Dabei flieht man womöglich vor einem einzigen Moment, den man nicht beim Namen nennen konnte.

Die eigene Wärme

Schopenhauer schließt die Parabel mit einem Satz, der zu seinem bekannten Blick auf die Menschen passt:

«Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg»

— Arthur Schopenhauer, «Gleichnisse, Parabeln und Fabeln», § 396, Parerga und Paralipomena, Bd. 2, Kap. 31, A. W. Hayn, Berlin 1851

Für ihn ist das eine Lösung: Wer genug eigene Wärme hat, braucht die anderen nicht und wird nicht gestochen. Man muss ihm darin nicht folgen. Aber der Satz trennt zwei Dinge, die im Alltag oft verschwimmen. Es gibt den Rückzug aus Fülle und den Rückzug aus Verletzung. Für andere sehen beide gleich aus.

Wovor weiche ich zurück, vor dem Menschen oder vor dem Stich, über den ich schweige?


Epimelea baut auf der existenziellen Schule auf. Das Gespräch geht von einer Begegnung zur nächsten weiter. Das Archiv wird auf dem Gerät verschlüsselt und gehört dem, der es geschrieben hat.

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