Warum will ich etwas nicht wahrhaben, obwohl es eigentlich klar ist?
Die Nachrichten des Partners werden spärlicher, die Abende verbringen sie getrennt. Eine Freundin fragt vorsichtig nach dem Befinden. Die Antwort kommt prompt und klingt plausibel: viel Arbeit, eine stressige Phase, bei uns sei das nun mal anders. Jedes Einzelargument ist in sich stimmig. Zusammen bilden sie jedoch eine Barriere, an der das Sichtbare zerschellt.
An der Straßenbeuge
In Christian Morgensterns Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ wird Palmström, „etwas schon an Jahren“, von einem Kraftfahrzeug überfahren, worauf er sich erhebt und fragt, wie ein solches Ereignis überhaupt möglich sein konnte. Anschließend vollzieht er einen ordentlichen Akt: Er legt sich feuchte Tücher auf und schlägt nach.
„Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“
– Christian Morgenstern, „Die unmögliche Tatsache“
An dieser Stelle durften keine Wagen fahren. Daraus leitet er ab, dass das Erlebte nur ein Traum gewesen sein muss.
Messerscharf
Man könnte über Palmström lachen. Morgenstern tut es nicht ganz. Sein Held denkt nicht schlampig, er denkt gründlich. Er prüft, vergleicht, zieht einen Schluss. Jeder Schritt ist sauber. Falsch ist nur, wo die Kette anfängt: Das Ergebnis stand fest, bevor er die Bücher aufschlug.
So arbeitet das Nichtwahrhaben oft. Es fühlt sich an wie Nachdenken. Man sammelt Belege und ist stolz auf die eigene Vernunft. Nur die Frage, die eine andere Antwort erlauben würde, wird nicht gestellt.
Was auf dem Spiel steht
Palmström verteidigt eine Ordnung. In seiner Welt halten sich Dinge an Vorschriften. Hätte ihn der Wagen wirklich erfasst, wäre diese Welt weniger verlässlich, als er dachte.
Auch hinter meiner Mauer steht meist ein Satz, auf den viel gebaut ist. Zum Beispiel: Wer sich Mühe gibt, wird nicht verlassen. In meiner Familie passiert so etwas nicht. Ich irre mich nicht in Menschen. Die Tatsache bedroht weniger mich als diesen Satz.
Welche Regel müsste ich neu schreiben, wenn ich zugäbe, dass es passiert ist?
Epimelea baut auf der existenziellen Schule auf. Das Gespräch geht von einer Begegnung zur nächsten weiter. Das Archiv wird auf dem Gerät verschlüsselt und gehört dem, der es geschrieben hat.
Zur App: Online-Therapie mit KI, langfristig begleitet
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