Die existenziellen Grundgegebenheiten bei Yalom
Irvin D. Yalom, Psychiater in Stanford, veröffentlichte 1980 »Existential Psychotherapy«. Auf Deutsch ist das Buch als »Existenzielle Psychotherapie« in der Edition Humanistische Psychologie. Es ist dick und systematisch. Gebaut ist es aus vier Teilen, und jeder trägt ein einziges Wort als Titel: Tod, Freiheit, Isolation, Sinnlosigkeit.
Bevor diese Teile beginnen, erklärt Yalom im ersten Kapitel, der »Einführung«, warum gerade diese vier Wörter.
Was nebenbei in der Therapie geschieht
Das Kapitel beginnt mit einem Kochkurs. Die Rezepte der Lehrerin gelingen den Schülern nie ganz, bis Yalom bemerkt, was in der Küche passiert. Auf dem Weg zum Ofen wirft jemand noch eine Handvoll Gewürze hinein, und das steht in keinem Rezept.
So sieht Yalom die Therapie. Lehrbücher beschreiben Techniken und Stadien. Was wirkt, geschieht oft nebenbei und steht in keiner Theorie. Als Beispiel liest er Freuds Bericht über Elisabeth von R. aus dem Jahr 1892 neu. Freud erklärte den Erfolg mit seiner Technik. In den Notizen steht aber mehr: Er schickte die Patientin ans Grab ihrer Schwester, sprach mit der Mutter, half bei den Geldsorgen der Familie.
Yalom will diesen Zutaten einen Rahmen geben. Er beginnt mit einer Definition.
»Existenzielle Psychotherapie ist ein dynamischer Zugang zur Therapie, der sich auf die Gegebenheiten konzentriert, welche in der Existenz des Individuums verwurzelt sind.«
— Irvin D. Yalom, »Existenzielle Psychotherapie«, 1. Kapitel: Einführung
Ein anderer Grundkonflikt
»Dynamisch« heißt hier dasselbe wie bei Freud. Im Menschen wirken Kräfte gegeneinander, und manche davon bleiben unbewusst. Der Streit liegt woanders, nämlich darin, welche Kräfte das sind.
Yalom stellt drei Antworten nebeneinander. Bei Freud kämpfen Triebe gegen eine Welt, die ihre Befriedigung verweigert. Bei den Neo-Freudianern wie Horney, Sullivan und Fromm steht das Bedürfnis des Kindes nach Sicherheit gegen sein eigenes Wachstum. Die existenzielle Sicht sucht den Konflikt an einer dritten Stelle. Er entsteht dort, wo ein Mensch auf die Gegebenheiten seiner Existenz trifft.
Gemeint sind Tatsachen, die zum Menschsein gehören und sich nicht wegverhandeln lassen. Finden kann man sie ohne Labor, durch Nachdenken in Stille und ohne Ablenkung. Oft stößt man aber ungebeten auf sie: in einer Begegnung mit dem eigenen Tod, bei einer Entscheidung, die sich nicht zurücknehmen lässt, oder wenn etwas zerbricht, das bisher Sinn gegeben hat. Solche Erfahrungen heißen seit Karl Jaspers Grenzsituationen.
Vier Gegebenheiten
Tod. Die offensichtlichste. Der Mensch ist jetzt da und wird eines Tages nicht mehr da sein. Der Konflikt liegt zwischen dem Wissen darum und dem Wunsch, weiter zu existieren.
Freiheit. Im Alltag klingt das Wort nach einem Gewinn. Existenziell bedeutet es, dass der Mensch in keine fertig geordnete Welt hineingeboren wird. Er ist Urheber seiner Entscheidungen und seines Lebensentwurfs, und unter ihm liegt kein fester Grund. Der Konflikt entsteht, weil er sich trotzdem Boden und Struktur wünscht.
Isolation. Gemeint ist nicht die Einsamkeit, die ein Freund lindern kann. Gemeint ist ein Abstand, der auch zwischen den nächsten Menschen bleibt. Jeder kommt allein in sein Leben und geht allein daraus fort. Dagegen steht der Wunsch nach Nähe und danach, Teil von etwas Größerem zu sein.
Sinnlosigkeit. Sie folgt aus den ersten drei. Wenn der Mensch stirbt, seine Welt selbst entwirft und letztlich allein ist, woher soll ein Sinn kommen? Dem steht ein Wesen gegenüber, das Sinn braucht, in einem Universum, das keinen mitliefert.
In der deutschen Ausgabe heißen die vier »letzte Dinge«, so übersetzt sie Yaloms Begriff »ultimate concerns«. Im Deutschen ist der Ausdruck besetzt: Die »vier letzten Dinge« der christlichen Lehre sind Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Bei Yalom gibt es kein Jenseits. Die letzten Dinge sind bei ihm die Grenzen des Lebens selbst.
Warum keine Probleme
Ein Problem lässt sich lösen, und danach ist es weg. Eine Gegebenheit bleibt. Wer sterblich ist, wird durch Einsicht nicht unsterblich. Wer frei ist, kann nicht aufhören zu wählen, und auch das Nicht-Wählen ist eine Wahl.
Deshalb beschreibt Yalom jede der vier als Spannung zwischen einem Wissen und einem Wunsch. Das Wissen lässt sich verdrängen. Die Tatsache darunter lässt sich weder verdrängen noch beseitigen. Viele Symptome sind in dieser Sicht Versuche, die Spannung nicht zu spüren: Man verschiebt eine Entscheidung auf später oder überlässt sie einem anderen. Man hält sich an einem Menschen fest, als könnte er den Abstand schließen.
Für die Therapie heißt das zweierlei. Die Gegebenheiten sind kein Diagnoseraster, in das jemand einsortiert wird. Sie sind das, worauf man unter dem Anlass hört, mit dem jemand kommt. Wer seit Monaten zwischen zwei Stellen schwankt, spricht vielleicht über Freiheit. Wer mit fünfzig alles umwirft, spricht vielleicht über den Tod. Außerdem ändert sich nicht die Tatsache. Ändern kann sich die Art, wie ein Mensch zu ihr steht.
Dabei verlangt Yalom keine Philosophie vom Patienten. Die Gegebenheiten zeigen sich in Alltagssprache, im Traum, in einem Satz, der nebenbei fällt. Wie im Kochkurs: Das Wichtigste geschieht oft dort, wo niemand ein Verfahren vermutet.
So bleibt dem Leser eine Frage. Ist das, was mich beschäftigt, ein Problem, das sich lösen lässt? Oder ist es eine Gegebenheit, zu der ich mich nur verhalten kann?
Epimelea ist eine App, die auf der existenziellen Schule aufbaut. Das Gespräch geht von einer Begegnung zur nächsten weiter. Das Archiv wird auf dem Gerät verschlüsselt und gehört dem, der es geschrieben hat.
Zur App: Online-Therapie mit KI, langfristig begleitet
Diese Seite handelt von einer Schule der Psychotherapie. Sie ist keine ärztliche Beratung und keine Notfallhilfe. Wenn Sie gerade in Gefahr sind, wählen Sie den Notruf 112. In Deutschland ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar. In anderen Ländern finden Sie eine Hilfsstelle auf findahelpline.com.