Logotherapie und der Wille zum Sinn
Viktor Frankl, Neurologe und Psychiater in Wien, nannte seinen Ansatz »Logotherapie und Existenzanalyse«. Systematisch dargestellt hat er ihn in »Ärztliche Seelsorge«, erschienen 1946. Die meisten kennen Frankl dagegen aus seinem Bericht über das Lager.
Die Logotherapie gilt als Dritte Wiener Schule, nach Freud und Adler. Schon die Zählung verrät, wogegen sie sich stellt. Freud sah den Menschen vom Willen zur Lust bewegt, Adler vom Willen zur Macht. Frankl setzt einen dritten Willen an den Anfang, den Willen zum Sinn. Den Menschen trägt demnach zuerst etwas, wofür es sich zu leben lohnt.
Zweifel am Sinn ist keine Diagnose
Manche kommen zum Psychiater, weil sie am Sinn ihres Lebens zweifeln. Frankl nennt das existentielle Frustration. Wer diese Frage stellt, ist für ihn nicht krank.
Frankl wehrt sich dagegen, das Gefühl der Sinnlosigkeit als bloßes Symptom zu lesen, etwa als Ausdruck einer Neurose. Diese Haltung nennt er Psychologismus. Wer die Sinnfrage nur entlarvt, hat sie noch nicht beantwortet.
Frankl fürchtete weniger, dass man den Menschen überfordert, als dass man ihn unterfordert. Ein Leben ohne jede Spannung ist in dieser Sicht kein Ziel.
Freiheit wozu
Die Logotherapie bestreitet nicht, dass der Mensch bedingt ist, durch Körper, Seele und Herkunft. Sie bestreitet, dass diese Bedingungen das letzte Wort haben.
»Die Freiheit des Menschen ist […] nicht eine Freiheit von etwas, sondern eine Freiheit zu etwas, nämlich die Freiheit zu einer Stellungnahme gegenüber all den Bedingungen.«
— Viktor E. Frankl, »Ärztliche Seelsorge«, Einleitung
Das tragende Wort ist Stellungnahme. Was einem zustößt, sucht man sich nicht aus. Wie man sich dazu stellt, bleibt offen.
Drei Wege zum Sinn
Frankl unterscheidet drei Wertkategorien. Sinn liegt in dem, was ein Mensch schafft und in die Welt bringt. Er liegt in dem, was er erlebt, und in dem Menschen, den er liebt. Und wo sich nichts mehr ändern lässt, liegt er in der Haltung, die er zu einem unabwendbaren Leiden einnimmt.
Der dritte Weg wird leicht missverstanden. Frankl sagt nicht, Leiden sei sinnvoll. Er sagt, dass auch ein Leiden, das sich nicht beseitigen lässt, noch eine Stellungnahme offenlässt. Und diese Stellungnahme gehört dem, der leidet.
Sinn wird nicht verordnet
Daraus folgt die Grenze der Methode. Einen allgemeinen Lebenssinn hat die Logotherapie nicht anzubieten. Sinn ist immer der Sinn eines bestimmten Menschen in einer bestimmten Lage. Ein Sinn, den der Therapeut verordnet, bliebe seiner. Er trüge nicht, sobald es schwer wird.
Bei Frankl stellt das Leben die Fragen, und der Einzelne antwortet. Die Arbeit besteht dann darin, das Blickfeld zu weiten, bis sichtbar wird, wofür jemand tatsächlich lebt. Manchmal zeigt sich dabei nichts. Auch das ist ein Befund.
So kommt die Frage an den Leser zurück. Habe ich das, wofür ich lebe, gefunden oder mir selbst zugewiesen? Und macht das einen Unterschied?
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